Humor

Rechtsanwälten und Ostwestfalen wird öfters nachgesagt keinen Sinn für Humor zu besitzen. Als kommunikativer Mensch, der außerhalb seiner Arbeit gerne lacht, will ich versuchen dieses Vorurteil mit einer kleinen Anekdote aus meinem Juristenleben zu entkräften.

Ich war als Referendar bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld und es war meine Aufgabe die Staatsanwaltschaft mit allen Rechten und Pflichten eines Staatsanwaltes vor Gericht in Fällen zu vertreten, bei denen es um eine Haftstrafe von voraussichtlich weniger als zwei Jahren ging. Mit der Last dieser Verantwortung bereitete ich mich auf meine erste Sitzungsvertretung vor, die am nächsten Tag sein sollte. Ich besuchte daher einen ganzen Verhandlungstag im Amtsgericht Bielefeld, aber was passierte: Alle sieben Verfahren kamen aus den verschiedensten Gründen nicht zur Verhandlung. Wie ein Verfahren vertagt und eingestellt wurde, wusste ich nun, aber dies beruhigte mich nicht wirklich. Am nächsten Morgen ging es zu einem kleinen Amtsgericht in der Region. Natürlich war ich viel zu früh und stellte mich eine halbe Stunde vor Beginn der ersten Verhandlung dem Richter vor. Dieser ruhige und kurz vor der Pensionierung stehende Mann nahm mir mit seiner herzlichen Art etwas die Aufregung und so saß ich wenig später das erste Mal im Gerichtssaal, um selber aktiv mitzuwirken.

Der Fall war folgender: Angeklagte Pollack* aus der Tschechei hatte ihren Verlobten Hermann* in dessen Wohnung zusammengeschlagen, nachdem bei einem gemeinsamen feuchtfröhlichen Umtrunk der Fernseher ausgefallen war, was natürlich seine Schuld gewesen sein musste. Bei dieser einseitigen Schlägerei (Hermann hatte eine Leberzirrhose = Alkoholiker und konnte sich nicht mehr gut wehren) war sie aber so laut, dass die Nachbarn die Polizei verständigten. Diese mussten die Tür aufbrechen und ein Krankenwagen brachte den Verletzten ins Krankenhaus, wo dieser wenig später Anzeige gegen seine Verlobte erstatte. Bei der Festnahme beschimpfte die „furienhafte“ (Aussage des Polizisten) Frau Pollack die Polizisten als „Arschlöscher“ und „Bullenschweine“. Wie so oft nachdem ein Partner Anzeige erstattet hatte, zog er sie zwei Tage später wieder zurück (Pack schlägt sich, Pack verträgt sich). Damit wird die Sache im Normalfall nicht mehr weiter verfolgt. Hier lag der Fall etwas anders, denn die Beleidigung der Beamten musste verhandelt werden.

Nach der Befragung von Frau Pollack zur Person kam Hermann in den Zeugenstand.

Richter: Herr Hermann, Sie sind also mit der Angeklagten verlobt?

Hermann nickt

Richter: Nun, als Verlobter müssen Sie hier nicht Aussagen, wenn Sie jedoch aussa…

Hermann fällt dem Richter ins Wort: Herr Richter, das brauchen Sie mir alles nicht erzählen, ich gucke jeden Tag zwei Gerichtssendungen. Ich weiß wie das hier läuft!

Der Richter schaut mich an und wir müssen beide scheinbar ein Lachen unterdrücken. Er blickt zurück zu Hermann und fährt fort: Herr Hermann, schauen Sie, ich glaube Ihnen, dass Sie sehr genau wissen wie „das hier so läuft“, aber selbst wenn ich den Herrn Staatsanwalt (blickt kurz zu mir rüber) als Zeugen vernehmen wollen würde, bin ich von gesetzeswegen verpflichtet jeden über seine Rechte aufzuklären.

Hermann: Ja, das verstehe ich.

Richter: Sehr gut! Nun folgte also der bekannte Text, den jeder aus dem Gerichtssaal oder von Gerichtssendungen her kennt und Hermann gibt zu Protokoll aussagen zu wollen.

Richter: Was ha`m Sie denn getrunken gehabt?

Hermann: Herr Richter, meinen Sie was ich heute getrunken habe oder was ich damals getrunken habe? Die Blicke von mir und dem Richter treffen sich wieder und innerlich liege zumindest ich schon halb unter meinem Tisch, äußerlich bewahre ich hingegen anscheinend meine Würde. Dazu sollte angemerkt werden, Hermann hatte wirklich eine gut wahrnehmbare Fahne.

Richter: Herr Hermann, ich halte Sie derzeit für aussagefähig, von daher will ich gar nicht wissen was Sie heute getrunken haben, sondern nur was Sie mit Ihrer Verlobten am Tatabend konsumierten.

Hermann: Einen Liter Wein, Herr Richter.

Darauf hebe ich meinen Arm, um zu signalisieren, dass ich eine Frage habe.

Richter: Herr Staatsanwalt, wollen Sie eine Frage stellen?

Referendar Wierz: Ja.

Richter: Dann stellen Sie Ihre Frage bitte an den Zeugen.

Referendar Wierz: Herr Hermann, also ich kenne Wein eigentlich nur in 0,7l Flaschen, wie kommen Sie denn genau auf einen Liter?

Hermann: Herr Staatsanwalt, ich kaufe meinen Wein im Aldi im Tetrapack und dat is`en Liter.

Referendar Wierz, der gerade wieder etwas fürs Leben gelernt hat: Ich habe erstmal keine weiteren Fragen an den Zeugen.

Der Richter fährt mit seiner Vernehmung fort und ich versuche weiterhin Haltung zu bewahren. Nachdem auch die beiden Polizisten gehört und die Beweisaufnahme geschlossen wurde, stehe ich also auf, um mein erstes Plädoyer zu halten. Im Anschluss daran setze ich mich wieder und bin innerlich sehr froh, dass die erste Verhandlung nun vorbei ist. Im Augenwinkel sehe ich aber wie Hermann im Zuschauerbereich aufsteht und sofort das Wort ergreift.

Hermann: Herr Richter, nun will ich auch plädieren dürfen!

Richter ist inzwischen doch etwas erbost und zeigt mit der ausgestreckten Hand auf mich und äußert sich lautstark: Der einzige, der hier plädieren darf, ist der Herr Staatsanwalt und das ist der da!

Hermann: Aber Herr Richter, schauen se mal, der Staatanwalt hat doch gerade eine Geldstrafe gefordert und meine Verlobte hat doch gar kein Geld, also muss ich das für sie sicher bezahlen und wenn ich das zahlen muss, dann muss ich doch auch plädieren dürfen!

Richter wieder in ruhigerem, aber sehr bestimmten Ton: Schauen Sie mal, neben sich, sehen Sie Herrn Polizeiobermeister Schulz* und Polizeioberkommissar Müller*. Noch ein Wort von Ihnen in meinem Gerichtssaal und ich lasse Sie von diesen beiden Herrn abführen!

*Namen geändert, Dienstgrad inzwischen unbekannt